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Kolumne: Der sanfte Blick

Wie schaue ich eigentlich auf die Menschen meiner Umgebung? Ändert sich mein Blick, je auf wen ich schaue? Strahlt mein Blick immer die gleiche Wärme (oder Kälte) aus?

Keine Ahnung, wie es bei euch ist: Ich jedenfalls schaue nicht immer mit dem gleichen Blick auf die Menschen meiner Umgebung... Leider. Oder Gott sei Dank. 

Wenn ich am Sonntagmorgen das Foyer der Gemeinde betrete, dann freue ich mich. Diese Freude entsteht spätestens an der Ecke Kielganstraße, wenn ich größeren Gruppen von Leuten aus der Gemeinde begegne, die wie ich zum Gottesdienst gehen. Diese Freude verschönt alle Menschen um mich herum. Ohne Mühe lächle ich alle Menschen an, die ich sehe, auch die, die ich gar nicht kenne. Und die allermeisten begegnen mir ebenso freundlich wie ich ihnen. 

Manchmal fahre ich mit dem Auto eine bestimmte Strecke entlang. An dieser Strecke steht immer derselbe Bettler. Schwerstbehindert. Seine Beine sind so krumm und schief, dass er sich nicht aufrichten kann. Er ist schmutzig, seine Haut ist sonnengegerbt, seine Kleidung verschlissen und er hinkt ganz dicht an mein Auto heran und schüttelt seinen Becher, damit ich Geld hineinwerfe. Und ich denke: Wenn ich ihm etwas gebe, kommt dann sofort einer, der es ihm wegnimmt? Und: wurde er absichtlich so extrem beschädigt, damit er mehr Geld einbringt? Wenn ich ihn freundlich anschaue, ihm aber kein Geld gebe, interessiert ihn das in seiner Not? Worin genau besteht seine größte Not? 

Hin und wieder gerate ich in Gespräche mit Menschen, die meinen Glauben nicht teilen. Die schaue ich auch an, und betrachte sie, während sie mir zum Beispiel vorwerfen, einseitig, sehr vereinfachend und manchmal selbstgerecht Sachverhalte darzustellen und zu beurteilen. Zugegeben, so richtig häufig passiert mir das nicht, aber es kommt vor. 

Welche von diesen Menschen, die mir begegnen, könnte ich hinter- her am besten beschreiben? Keinen von ihnen. Denn eigentlich - so will mir scheinen - schaue ich sie gar nicht richtig an. Sondern, während mein Blick auf ihnen ruht, denke ich über etwas nach. Manchmal über etwas Erfreuliches, manchmal nicht. Es kann mit ihnen als Person zusammenhängen, muss aber nicht. Manchmal bewerte ich etwas an ihnen. Und das hindert mich daran, genau zu sehen, wie sie sind. Wenn ich aufhören würde, über etwas nachzudenken, was MICH beschäftigt, dann würde ich SIE sehen, wie sie aussehen, wie es ihnen geht, vielleicht manchmal sogar, was sie jetzt brauchen könnten. 

Und mein Blick auf sie wäre dann sanft. Auf jeden von ihnen würde ich mit sanftem Blick schauen. Mein Blick würde ausstrahlen: Du darfst sein. Und das wäre wie ein warmer Regen auf sehr Trockenes, Kaltes. Werde ich das noch lernen? 

Sylke Winter 

 
14.10.2016