Warum wurden einige Bücher in das Neue Testament aufgenommen und andere nicht?

    Zur Zeit Jesu existierte bereits ein Kanon, eine Sammlung, heiliger Schriften: Jesus zitierte aus dem Gesetz, den Propheten und Schriften der Juden. Dieses heute sogenannte Alte Testament, sowie Jesu eigene Lehre genoss unter seinen Mitarbeitern höchste Autorität. Da er die Apostel, so werden die zwölf engsten Mitarbeiter und der berühmte Gemeindegründer Paulus von Tarsus genannt, bevollmächtigte, an seiner Stelle zu sprechen und die Gemeinde zu leiten, übernahmen sie nach Jesu Tod um das Jahr 33 n.Chr. die Verantwortung für die neu entstandene Glaubensrichtung und wachten über die Lehre in der jungen Kirche. Bereits um 50 n.Chr. schrieben sie Briefe an die Gemeinden und um 65 n.Chr. folgten erste Evangelienhandschriften. Für die urchristliche Kirche galt die apostolische Urheberschaft oder Billigung dieser Schriften als Voraussetzung für deren Annahme. Die autorisierten Schriften wurden innerhalb der Gemeinden vorgelesen, abgeschrieben und weiterverbreitet (nach zulesen schon im Neuen Testament selbst, z.B. im Brief an die Gemeinde in Kolossä Kapitel 4, Vers 16). Ein weiteres Kriterium, ob die Briefe oder Schriften als „heilig“ also von Gott kommend angesehen wurden, war deren heilsame Wirkung an den Gläubigen. Vertieften sie den Glauben an Jesus, führten sie zum Frieden oder motivierten sie zu liebevollen Taten, dann sah man sie als vom Geist Gottes bewirkt an.

Es ist wahrscheinlich, dass Sammlungen der Briefe des Apostels Paulus und erste Evangelientexte um 100 n.Chr. in der Kirche bereits weit verbreitet waren. Daneben befanden sich jedoch auch sogenannte apokryphe Schriften im Umlauf, die später nicht Teil des neutestamentlichen Kanons wurden:

So beziehen sich der 1. Clemensbrief (97 n.Chr.) und die Briefe des Ignatius und Polykarp (um 110 n.Chr.) ausführlich auf kanonische Briefe des Apostels Paulus und setzen deren Kenntnis voraus. Ignatius (um 110 n.Chr.) und die Didache (um 120 n.Chr.) kennen den Begriff Evangelium als Bezeichnung für eine im Besitz der Gemeinde befindliche Darstellung des Lebens und der Lehre Jesu.

Neben diesen orthodoxen (rechtgläubigen) Apokryphen entstanden jedoch auch zahllose sogenannte häretische Schriften, die mit dem Rest der biblischen Lehre nicht harmonierten. Um diesen zu begegnen, musste sich die Kirche im zweiten Jh. stärker als bisher auf schriftlichen Quellen berufen. Man war bemüht, Zeugnisse zu erhalten, die auf die Zeit der Apostel zurückgingen (Apostolizität), der gesamten Kirche nützlich waren (Katholizität), inhaltlich übereinstimmten (Kohärenz) und die reine Lehre vermittelten (Othodoxie). Aus dieser Zeit liegt uns mit dem Canon Muratori (um 170) die erste umfassende Liste in der Kirche verbreiteter Schriften vor.

Im dritten und vierten Jahrhundert untersuchten Origenes und Eusebius die Verbreitung kanonischer Schriften innerhalb der Kirche und legten dar, welche Schriften anerkannt-, welche umstritten und welche Bücher grundsätzlich abgelehnt wurden. Es zeigt sich dabei eine große Ähnlichkeit mit unserem heutigen Kanon. Am auffälligsten ist jedoch die Ablehnung der Offenbarung im Osten und des Hebräerbriefes im Westen des Römischen Reiches.

Mit Athanasius von Alexandria (367 n.Chr.) beginnt sich nun der Kanon der 27 neutestamentlichen Schriften durchzusetzen, den wir im Westen bis heute kennen. Hieronymus und Damasus übernehmen auf der Synode von Rom (382 n.Chr.) Athanasius’ Liste für die Westkirche und tragen zu deren großflächiger Verbreitung bei. In den nachfolgenden Konzilen wird diese mehrfach bestätigt. Erst in der Reformation sollte sie noch einmal hinterfragt, jedoch weiter übernommen werden.

Warum kamen also einige Bücher und Briefe in die Bibel und einige nicht?

Diese vier Kriterien scheinen wichtig gewesen zu sein: Waren die Texte von einem Apostel verfasst? Waren sie nützlich (heilsam) für die Kirche? Widersprachen sie sich nicht? Und, verbreiteten sie die Lehre von Jesus? Wenn sie diesem Maßstab widersprachen, wurden sie nicht in die Liste heiliger Schriften aufgenommen. Natürlich waren Menschen an diesen Entstehungsprozess beteiligt und bei einigen wenigen Schriften war man sich auch über lange Zeit nicht einig. Dass aber die Kirche aus Angst einfach Schriften unterdrückt habe, wie es immer wieder gern behauptet wird, ist schon deshalb nicht logisch, weil z.B. Origenes und Eusebius einfach untersuchten, welche Schriften in den verschiedenen Städten im Gottesdienst verwendet werden und dann ihre Listen schrieben und öffentlich(!) darüber diskutierten, welcher Text heilig sei und welcher nicht.

Ein Professor hat den ganzen Prozess der Entstehung der Bibel einmal als „Selbstdurchsetzung“ der Heiligen Schrift bezeichnet. Man könne darauf vertrauen, dass Gott durch die Geschichte hindurch, seine Texte für die Gläubigen wichtig werden lies. So können wir sie immer noch lesen und Gott dadurch kennen lernen.